Gibt es eine Schnittmenge zwischen Eisbaden und Longevity? Wir haben bei Cold Coach Daniel Kuom für LNGVTY nachgefragt.
Eisbaden verlängert zwar nach heutigem Wissen nicht nachweislich das Leben, allerdings berührt der freiwillige Gang ins kalte Wasser gleich mehrere Prozesse, die für gesundes Altern relevant sein könnten: den Zucker- und Fettstoffwechsel, die Aktivität des braunen Fettgewebes, Entzündungsprozesse, die Regulation des autonomen Nervensystems und nicht zuletzt die psychische Widerstandskraft.
Einer, der Eisbaden als möglichen Baustein begreift, um bestimmte körperliche und psychische Voraussetzungen für gesundes Altern zu trainieren, ist Daniel Kuom. Der 46-Jährige, im Hauptberuf als Unternehmensberater und im SAP-Umfeld in München tätig, beschreibt seine Tätigkeiten als Cold Coach, Yoga- und Mentaltrainer als Verbindung aus Kälte, Yoga, Atemarbeit, Embodiment und Mentaltechniken. Eine genetisch bedingte Erkrankung mit wiederkehrenden Entzündungen haben ihn dazu gebracht, sich intensiver mit seinem Körper auseinanderzusetzen. Im Eisbaden hat er eine Praxis entdeckt, die Körpergefühl mit mentaler Herausforderung und physiologischem Reiz verbindet. Die entscheidende Frage für ihn: „Wie können wir unser Leben so lang wie möglich gesund gestalten?“
Ein dosierter Angriff auf das Gleichgewicht
Wer mit Schultern und Oberkörper in kaltes Wasser steigt, erlebt zunächst keinen Wellnessmoment. Der schnelle Temperaturabfall der Haut löst den sogenannten Kälteschock aus: Man schnappt nach Luft, beginnt zu hyperventilieren, die Blutgefäße in der Haut verengen sich, Blutdruck und Belastung des Herzens steigen. Der Sympathikus – jener Teil des autonomen Nervensystems, der den Organismus auf Kampf oder Flucht vorbereitet – fährt seine Aktivität abrupt hoch.
Daniel bezeichnet diesen Vorgang als Hormese: „Was Eisbaden auszeichnet, ist ein kurzzeitiger, dosierter Stressor.“ Die Kälte stört für einen begrenzten Zeitraum das innere Gleichgewicht. Der Körper muss reagieren, Energie mobilisieren und seine Kerntemperatur verteidigen. Eine Belastung, die in zu hoher Dosis schädlich wäre, löst in kontrollierter Dosierung Anpassungsprozesse aus. Untersuchungen zeigen, dass Kaltwasserimmersion die parasympathische Reaktivierung und bestimmte Werte der Herzfrequenzvariabilität kurzfristig unterstützen kann.
Braunes Fett: die körpereigene Heizung
Besonders interessant für die Longevity-Forschung ist das braune Fettgewebe. Während weißes Fett vor allem Energie speichert, kann braunes Fett Energie in Wärme umwandeln. Seine Zellen enthalten besonders viele Mitochondrien und das Protein UCP1, das die Verbrennung von Nährstoffen von der üblichen Energieproduktion entkoppelt. Vereinfacht gesagt wird ein Teil der Energie nicht in chemischer Form gespeichert, sondern als Wärme freigesetzt.
„Lange hat man angenommen, dass vor allem Babys über braunes Fettgewebe verfügen, da sie noch nicht ausreichend Muskelmasse besitzen, um durch Zittern Wärme zu erzeugen“, erklärt Daniel.
Erst PET-CT-Untersuchungen bestätigten 2009 überzeugend, dass auch Erwachsene über funktionell aktives braunes Fett verfügen. Zumindest eine Verbindung zwischen braunem Fett, Alter und Stoffwechselgesundheit ist somit erwiesen.
Entzündung und Immunsystem: viel Hoffnung, noch wenig Gewissheit
Daniel spricht aus persönlicher Erfahrung über den Zusammenhang zwischen Kälte und Entzündungen. „Beim Eisbaden stärkst du dein Immunsystem, deine Entzündungswerte gehen runter, du hast ein kardiovaskuläres Training“, sagt er. Seit er regelmäßig ins kalte Wasser gehe, bekomme er im Winter kaum noch Infekte und habe seine entzündlichen Beschwerden besser im Griff.
Bei einer fünfmonatigen Studie mit 35 gesunden, regelmäßig Eisbaden praktizierenden Männern waren am Ende unter anderem LDL-Cholesterin, Triglyceride, Gesamtcholesterin und der Entzündungsmarker hsCRP gesunken. Auch verschiedene Ultraschallwerte der Gefäße entwickelten sich günstig.
Die Ergebnisse klingen nach einem Longevity-Jackpot, müssen aber vorsichtig interpretiert werden. Es handelte sich um eine kleine, nicht randomisierte Beobachtungsstudie ausschließlich mit Männern. Saisonale Veränderungen, Gruppeneffekte, Bewegung, Ernährung oder andere Verhaltensänderungen lassen sich nicht vollständig ausschließen.
Die seriöse Schlussfolgerung: Regelmäßige Kälteexposition könnte bestimmte Entzündungs- und Immunprozesse beeinflussen. Von einem allgemein bewiesenen „Immunbooster“ oder gar einem Schutz vor Infekten kann derzeit jedoch nicht gesprochen werden.