„Es sind die unangenehmen Termine, die das Leben verlängern“
Longevity ist ohne ernsthafte Vorsorge nur die halbe Wahrheit. Ein Plädoyer für die Darmspiegelung und andere delikate Untersuchungen.
Alle reden über Longevity. Über VO₂max, Krafttraining, Schlaf, Ernährung, Alkohol, Supplements, biologische Alterstests. Ich auch. Ich glaube an Sport. Ich glaube an Routinen. Ich glaube daran, dass man sehr viel dafür tun kann, länger gesund, wach und leistungsfähig zu bleiben.
Aber Krebs bleibt einer der apokalyptischen Reiter, wie ihn Peter Attia in seiner Longetity-Fibel Outlive zu Recht als eine der großen Bedrohungen für ein langes Leben nennt. Krebs ist anders als ein zu hoher Ruhepuls oder ein paar Kilo zu viel. Krebs ist manchmal leise. Krebs wartet nicht, bis wir bereit sind. Und manchmal trifft er Menschen, bei denen man dachte: Das kann doch nicht sein.
Meine Schwester hat nie geraucht. Sie hat Sport getrieben, ist Läufe mitgerannt, war aktiv. Und dann wurde sie mit 39 Jahren von einem Pankreastumor aus dem Leben gerissen. Bauchspeicheldrüsenkrebs gehört zu den härtesten Diagnosen überhaupt; die relative 5-Jahres-Überlebensrate liegt in Deutschland laut RKI bei nur etwa 11 Prozent. Bei ihr waren es vielleicht 9 Monate. Die Ärzte haben es als Erfolg gesehen. Wir haben unseren Frieden damit nie machen können.
Das ist der schmerzhafte Teil jeder Longevity-Erzählung: Krebs lässt sich nicht ausschließen. Man kann gesund leben, trainieren, nicht rauchen, wenig oder keinen Alkohol trinken – und trotzdem krank werden. Aber daraus folgt nicht, dass Vorsorge egal ist. Im Gegenteil: Gesunde Ernährung, regelmäßige Bewegung, ein stabiles Körpergewicht und der Verzicht auf Alkohol und Tabak können das Krebsrisiko nachweislich senken. Auch Fasten wird wissenschaftlich diskutiert – vor allem wegen möglicher Effekte auf Stoffwechsel, Entzündung und Zellstress –, ist als Krebsprävention aber noch nicht so eindeutig belegt wie Sport, Ernährung und Alkoholverzicht.
Männer reden über Vorsorge leise. Oder gar nicht.
Beim Thema Gesundheitsvorsorge werden Männer oft merkwürdig still. Beim Sport wird ausgepackt bei wie anderen Vergleichen. Es wird gesprochen über Eiweiß, Sauna, Supplements, vielleicht noch über den Zahnarzt. Zahnarzt ist wichtig, keine Frage. Entzündungen im Mund, schlechte Zähne, Parodontitis sind unterschätzte Longevity-Killer.
Aber bei den noch angenehmeren Untersuchungen – Darmspiegelung, Prostata, Hautscreening, Blutwerte – wird es schnell ruhig. Wer lässt außerhalb des Schlafzimmers schon gern die Hose runter? „Ich habe ja nichts“, heißt es dann. Doch sinnvolle Vorsorge beginnt nicht dann, wenn man etwas spürt. Sie beginnt, bevor man etwas spürt.
Das Bundesgesundheitsministerium listet für Männer ab 45 Jahren eine jährliche Prostata- und Genitaluntersuchung zur Früherkennung von Prostatakrebs. Beim Darmkrebs können Männer ab 50 zwischen Stuhltest und Früherkennungs-Darmspiegelung wählen; die Koloskopie ist zweimal im Abstand von mindestens zehn Jahren möglich.
Man muss diese Angebote nicht unkritisch romantisieren. Nicht jedes Screening ist gleich eindeutig. Manche Tests bergen Risiken von Überdiagnosen. Aber bei Darmkrebs ist der Grundgedanke klar: Die Untersuchung erkennt nicht nur Krebs früh. Sie kann Krebs verhindern.
Mein Polyp war kein Drama. Aber ein Signal.
Meine Mutter hatte Darmkrebs. Also habe ich eine Darmspiegelung mit 45 Jahren machen lassen. Es gibt schönere Termine. Natürlich. Schon die Vorbereitung ist kein Wellness-Programm. Aber das Ergebnis hat mir gezeigt, wie richtig es war. Bei mir wurden kleinere Polypen entfernt. Der Befund lautete sinngemäß: Dickdarmschleimhaut mit Anteilen eines tubulären Adenoms mit niedriggradiger intraepithelialer Neoplasie. Übersetzt: kein Krebs. Aber eine typische Vorstufe. Ein kleines biologisches Warnschild.
Ein tubuläres Adenom mit niedriggradiger Veränderung ist in der Regel noch gutartig. Aber genau aus solchen Adenomen kann sich – wenn sie ungünstig wachsen, größer werden und weitere Zellveränderungen ansammeln – über Jahre ein Darmkrebs entwickeln. Die sogenannte Adenom-Karzinom-Sequenz ist eines der klassischen Modelle der Krebsentstehung im Darm: von frühen Zellveränderungen über fortgeschrittene Polypen bis hin zu invasivem Krebs. In meinem Fall war der Polyp klein. Er wurde entfernt. Damit war aus einer möglichen Zukunft ein erledigter Befund geworden.
Vorsorge ist keine Angstmedizin
Das Deutsche Krebsforschungszentrum nennt Rauchen, Alkohol, Übergewicht, ungesunde Ernährung und Bewegungsmangel als wichtigste lebensstilbedingte Krebsrisikofaktoren. Mindestens ein Drittel der Krebserkrankungen gilt als vermeidbar; für Deutschland hat das DKFZ berechnet, dass weit über ein Drittel der Krebsneuerkrankungen verhindert werden könnte, wenn Präventionspotenziale konsequent ausgeschöpft würden.
Primäre Prävention ist also die eine Seite. Nicht rauchen, Alkohol stark reduzieren oder weglassen, Gewicht im gesunden Bereich halten, regelmäßig bewegen, wenig hochverarbeitete Lebensmittel, viel Gemüse, Ballaststoffe, Hülsenfrüchte, Vollkorn, gute Proteine. Der World Cancer Research Fund empfiehlt zur Krebsprävention unter anderem: gesundes Gewicht halten, körperlich aktiv sein, vollwertig essen, Fast Food und stark verarbeitete Produkte begrenzen, wenig rotes und möglichst kein verarbeitetes Fleisch essen – und für die Krebsprävention am besten keinen Alkohol trinken.
Die andere Seite lautet sekundäre Prävention: Früherkennung. Also nicht warten, bis etwas weh tut. Nicht auf Symptome hoffen. Sondern aktiv nach Risiken suchen, bevor sie gefährlich werden.
Bei Darmkrebs ist diese Logik besonders überzeugend. Das National Cancer Institute verweist auf Langzeitdaten der National Polyp Study: Die Entfernung von Krebsvorstufen, also Adenomen, war mit einer Reduktion der Darmkrebssterblichkeit um mehr als die Hälfte verbunden; konkret lag die beobachtete Sterblichkeit nach Polypenentfernung etwa 53 Prozent niedriger als erwartet.
Neuere Modellierungen des DKFZ gehen sogar davon aus, dass bei konsequenter Nutzung von Darmkrebs-Screening bis zu drei Viertel aller Darmkrebsfälle verhindert und mehr als 80 Prozent der Darmkrebstodesfälle vermieden werden könnten – egal ob über regelmäßige immunologische Stuhltests oder über Vorsorgekoloskopien, solange die Menschen das Angebot tatsächlich nutzen.
Wir nutzen die Chancen nicht konsequent genug
Deutschland hat gute Vorsorgeangebote. Aber wir nehmen sie nicht konsequent genug wahr. Der RKI-Datenstand zur Darmkrebsfrüherkennung zeigt zwar, dass mehr als 50 Prozent der anspruchsberechtigten Frauen und Männer sagen, innerhalb der letzten zehn Jahre eine Koloskopie genutzt zu haben. Gleichzeitig sind die regelmäßigen jährlichen Nutzungsraten niedrig: Für Vorsorgekoloskopien wurden in Deutschland lange nur etwa 2 bis 2,5 Prozent der Anspruchsberechtigten pro Jahr genannt, für Stuhltests etwa 10 bis 20 Prozent.
Auch andere Früherkennungen bleiben unter ihren Möglichkeiten. Der WIdO-Früherkennungsmonitor 2024 meldete zwar steigende Teilnahmen gegenüber 2019 – etwa plus 14,8 Prozent bei Koloskopien zur Darmkrebsvorsorge und plus 4,7 Prozent bei Prostatakrebs-Früherkennung. Beim Hautkrebs-Screening hatten jedoch nur etwa 20 bis 30 Prozent der Frauen und Männer die Untersuchung in den vergangenen zehn Jahren mindestens dreimal genutzt; je nach Altersgruppe gingen 35 bis 50 Prozent gar nicht. Männer in jüngeren Altersgruppen nutzten das Angebot besonders selten.
Das ist fahrlässig. Wir kaufen Uhren, die unseren Schlaf messen. Wir diskutieren über NMN, Kreatin, Zone-2-Training und Eisbäder. Aber viele von uns schaffen es nicht, die Termine zu machen, die statistisch deutlich mehr bringen könnten als jedes Supplement.
Ein Befund kann auch ein Anfang sein
Für mich war dieser kleine entfernte Polyp auch ein Anlass, noch einmal konsequenter über Ernährung, Alkohol, Bewegung und Routinen nachzudenken. Weder hysterisch noch angstgetrieben. Dennoch habe ich auf eigene mit Blick auf die Vorgeschichte ein MRT rund um die Organe meiner Bauchspeicheldrüse machen lassen. Die Krankenkasse hat das mit Blick auf die Familie sogar übernommen. Wenn nicht, würde ich es alle 2 Jahre selber zahlen.
Wer familiär vorbelastet ist, sollte in meinen Augen nicht erst warten, bis die Standardempfehlung zufällig passt. Eine Darmkrebsdiagnose bei einem Elternteil ist ein Grund, das eigene Risiko ärztlich einzuordnen und Kontrollintervalle individuell festzulegen.
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RKI / Zentrum für Krebsregisterdaten – Bauchspeicheldrüsenkrebs
DKFZ – 37 Prozent aller Krebsfälle durch vermeidbare Risikofaktoren verursacht
World Cancer Research Fund – Recommendations for Cancer Prevention
National Cancer Institute – Colonoscopy reduces colorectal cancer deaths / National Polyp Study
DKFZ – Stool testing and colonoscopy show comparable effectiveness in colorectal cancer screening
Adenom-Karzinom-Sequenz / Darmkrebsentstehung – wissenschaftlicher Review
Journal Onkologie – Aktuelle Daten zur Darmkrebsvorsorge in Deutschland