Zwischen Zahlenwelt und Eisbad
Cold Coach Daniel Kuom hat sich vom kopfgesteuerten Unternehmensberater zum Menschen gewandelt, der den Körper als Kompass nutzt. Heute führt der 46-Jährige Menschen ans Eisbaden heran und unterrichtet Yoga. Dabei begleitet ihn die analytische Präzision, mit der er einst Probleme von Großbanken löste.
Longevity bedeutet für Daniel nicht nur, dem Leben Jahre hinzuzufügen, sondern möglichst lange körperlich, geistig und emotional präsent zu bleiben. Bevor er anderen beibrachte, im Eiswasser ruhig zu atmen, musste er jedoch erst lernen, den eigenen Körper wahrzunehmen. Das erzählte er LNGVTY in einem Gespräch.
Der mitgetragene Sandsack
Daniel stammt aus Oberschwaben, studierte BWL in München und zog später nach Berlin, wo er „mehr Kreativität und Offenheit“ suchte. Er begann bei Deloitte, machte sich selbstständig und spezialisierte sich als SAP-Berater. Für Morgan Stanley, Deutsche Bank und Société Générale löste er Rechnungslegungsprobleme. „Ich war wirklich bei den ganz Großen“, sagt er. „Und ich habe es geliebt.“
Seine Arbeit mit Yoga und Kälte entstand nicht aus Ablehnung der Zahlenwelt. Doch sein Kopf funktionierte besser als die Verbindung zu seinem Körper. Daniel lebt mit einer genetisch bedingten Erkrankung, die in intensiven Arbeitsphasen Entzündungen auslöst. „Es war jedes Mal wie ein Stinkefinger, den mir der Körper gezeigt hat.“ Die Botschaft: „Du bist total kopfgesteuert, also hole ich dich wieder zurück in den Körper, den du wie einen Sandsack herumträgst – wenn’s sein muss über Schmerzen.“
Verstehen und verkörpern
Ein erster Schritt aus der Kopfwelt führte Daniel zum Neuro-Linguistischen Programmieren (NLP). Seine Lehrer sagten ihm, er müsse „etwas für den Körper machen“. „Kognitiv habe ich das verstanden“, erinnert er sich. „Aber ich konnte es nicht umsetzen.“
Dieser Zwiespalt wurde später zum Kernthema seiner Arbeit: Menschen wissen oft, was ihnen helfen würde, bleiben aber im Denken stecken. Über seine damalige Freundin kam Daniel zum Yoga und absolvierte 2015 die Yogalehrerausbildung. „Dort habe ich zum ersten Mal ein Körpergefühl bekommen“, sagt er.
In allen Elementen zuhause
Daniel beschäftigte sich weiter mit Persönlichkeitsentwicklung und Bewusstseinsarbeit. Er nahm an Feuerläufen teil und leitete später selbst Menschen über glühende Kohlen. Er meditierte, reiste nach Bali und nahm an einer Ayahuasca-Zeremonie im peruanischen Amazonasgebiet teil. Offen blieb jedoch die Frage, wie sich all die angesammelten Fähigkeiten verbinden ließen. Die Antwort fand er im kalten Wasser.
Die Frau, die aus der Kälte kam
Inspiriert von Wim Hof probierte Daniel Eisbaden aus. Der als „The Iceman“ bekannte Niederländer hatte daraus eine Methode aus Atmung, Kälteexposition und mentalem Training entwickelt.
Daniels erster Versuch verlief nach eigenen Aussagen wenig ruhmreich: Allein fuhr er zu einem See bei Berlin, ging bis zur Hüfte ins Wasser und blieb dort zehn bis 15 Minuten. Danach sei er zwei Wochen krank gewesen. Sein Urteil: „Völlig bescheuert.“
Doch 2018 besuchte er in Potsdam einen Workshop bei Dr. Josephine Worseck, Molekularbiologin, Yogalehrerin und eine der ersten deutschen Wim-Hof-Instruktorinnen. Bei ihr verstand er, dass Eisbaden nicht bedeutet, möglichst lange möglichst viel auszuhalten. Worseck erklärte die körperlichen Reaktionen, die Atmung und den Umgang mit der eigenen Grenze.
Die Begegnung wurde zum Wendepunkt. Daniel begann, die Reaktionen seines Körpers zu lesen. Der Kälteschock war kein Versagen, sondern eine automatische Schutzreaktion. Entscheidend war, trotz des Alarms präsent zu bleiben. „Du kommst da raus, du bist völlig geflasht, du siehst alles glasklar“, beschreibt er den Zustand danach. Im Eiswasser fand er jene Verbindung von Kopf und Körper, nach der er lange gesucht hatte.
Nicht Banker oder Yogi – sondern beides
Daniel arbeitet weiterhin als SAP-Berater, unterrichtet Yoga und begleitet Menschen beim Kältetraining. „Mich reizen diese interdisziplinären Schnittstellen“, sagt er. „Ich liebe es, mit Yogalehrern über Finanzen und mit Bankern über Spiritualität zu reden. Der Yogalehrer kann ja tausend Sachen über Meditation und Patanjali erzählen, aber er muss sein Geld verdienen.“ Umgekehrt treffen Menschen in Unternehmen komplexe Entscheidungen und verlieren dabei oft den Kontakt zum eigenen Körper.
Vor einem anspruchsvollen Beratertag geht Daniel manchmal morgens ins kalte Wasser. Die Deadlines verschwinden dadurch nicht. „Aber es ist wie ein Puffer, der das Ganze abdämpft.“ Eisbaden bringt ihn dazu, weniger getrieben, weniger reaktiv und stärker im Körper verankert zu sein.
Das Unbequeme als Trainingsraum
Daniels Leitsatz lautet: „Getting comfortable with theuncomfortable“ – sich mit dem Unbequemen vertraut machen. Die moderne Welt sei „amazonisiert“, sagt er. Viele Bedürfnisse lassen sich sofort befriedigen, unangenehme Erfahrungen vermeiden. Wer jedem Unbehagen ausweicht, verliert jedoch die Erfahrung, es aushalten und regulieren zu können. „Ich bin stets darum bemüht, die Komfortzone zu erweitern“, sagt Daniel. „Idealerweise hast du deine Komfortzone so groß, dass – was immer im Leben auch passiert – du damit umgehen kannst.“
Kälte ist für ihn eine Metapher für Krisen. Er will Menschen nicht abhärten, sondern ihnen beibringen, Alarmsignalewahrzunehmen, zu atmen und handlungsfähig zu bleiben. Der Körper, den Daniel früher wie einen Sandsack herumtrug, ist heute zum Verbündeten geworden. Die Zahlenwelt hat er nicht verlassen. Er verbindet sie mit Yoga, Kälte und Spiritualität – zwischen klarem Kopf, Körperwahrnehmung und der Fähigkeit, dem Unbequemen nicht auszuweichen.