Kuscheln gegen Cortisol

Positiver Kontakt mit Tieren kann offenbar genau in jene Systeme eingreifen, mit denen der Körper Stress reguliert. Haustiere rücken daher immer mehr ins Blickfeld von Longevity.

Der Arbeitstag ist vorbei. Das Cortisol weiß das womöglich noch nicht. Im Kopf kreist das letzte Gespräch weiter. Die Schultern sind angespannt. Der Körper steht noch auf Alarm. Dann kommt der Hund, legt den Kopf aufs Knie und will gestreichelt werden.

Diese kleine Alltagsszene beschäftigt die Wissenschaft seit Jahren und ist auch aus Longevity-Sicht interessant.

„Es gibt eine sehr gute Studienlage, dass der Kontakt mit Tieren und deren Anwesenheit Stress reduzieren kann“, sagt die Psychologin Prof. Dr. Andrea Beetz in einem Gespräch mit LNGVTY. Sie forscht seit mehr als zwei Jahrzehnten zur Mensch-Tier-Beziehung und zu tiergestützten Interventionen. „Der stressreduzierende Effekt lässt sich nicht nur subjektiv über Befragungen nachweisen, sondern auch objektiv – etwa durch die Messung des Stresshormons Cortisol im Speichel.“

Cortisol ist kein Feind. Das Hormon gehört zu unserem wichtigsten Stresssystem. Es mobilisiert Energie und hilft uns, kurzfristig auf Belastung zu reagieren. Problematisch wird Stress vor allem dann, wenn der Körper immer wieder hochfährt und zu selten herunterkommt. In der Forschung heißt das „allostatische Last“: die kumulierte Belastung durch wiederholte oder chronische Anpassung an Stress. Genau hier liegen für Stressgeplagte erhebliche Risiken.

 

Wie stark ein Tier diesen Prozess beeinflussen kann, hat Beetz selbst untersucht. In einer Studie mussten 47 Jungen zwischen sieben und elf Jahren mit unsicheren oder desorganisierten Bindungsmustern den Trier Social Stress Test absolvieren. Das ist eine ziemlich effiziente Methode, Menschen im Labor nervös zu machen: freie Rede und Kopfrechnen vor einem fremden Gremium. Ein Teil der Kinder wurde dabei von einem freundlichen Erwachsenen unterstützt, ein Teil von einem Stoffhund, ein Teil von einem echten Hund.

 

Das Ergebnis: In der Hundegruppe fiel die physiologische Stressreaktion deutlich geringer aus. Je mehr Körperkontakt die Kinder mit dem Hund hatten, desto niedriger war ihre Cortisolreaktion. „Wenn die Kinder einen echten Hund dabei hatten und mit dem vorher interagieren durften, also kuscheln und streicheln durften, ging der Stresslevel gar nicht erst so weit hoch“, beschreibt Beetz den Effekt.

 

Das blieb keine Einzelbeobachtung. Ein systematischer Forschungsüberblick von 2022 sichtete 129 Studien zu den psychophysiologischen Mechanismen der Mensch-Hund-Interaktion. Zu den häufigsten positiven Befunden gehörten sinkendes Cortisol, steigendes Oxytocin und eine höhere Herzratenvariabilität. All das weist darauf hin, dass der Körper stärker auf Regulation umschaltet. Ein zweiter Überblick über 27 Studien zu Stress-Biomarkern fand ebenfalls überwiegend positive Veränderungen, verweist aber auf erhebliche methodische Unterschiede.

 

Und dann ist da noch Oxytocin. Kaum ein Hormon hat eine bessere PR-Abteilung. Meist heißt es „Kuschelhormon“. Das klingt angenehm und erklärt ungefähr so viel wie die Bezeichnung „Glückshormon“ für Serotonin.

 

„Oxytocin ist nicht nur das Bindungshormon“, sagt Beetz. „Oxytocin regelt ein ganzes System für Ruhe und Erholung.“ Es wird bei positivem menschlichem Körperkontakt ausgeschüttet, bei Massagen, beim Orgasmus – und auch beim Streicheln eines vertrauten Tieres. 

 

Gerade hier bremst Beetz jedoch die Romantik. „Es wird oftmals sehr vereinfacht dargestellt, so nach dem Motto: Hast du Oxytocin, wird alles gut. Das stimmt so nicht.“ Die Ausschüttung hängt von der Situation und von der Beziehung ab. Ein krankes oder angsteinflößendes Tier verspannt das Herrchen eher. Beetz: “Setting und Beziehung müssen passen.“

 

Auch die Forschung ist weniger eindeutig, als es ein hübsches „Streicheln macht gesund“ vermuten lässt. Manche Studien finden deutliche Cortisol-Effekte. Andere messen Veränderungen beim subjektiven Stress, nicht jedoch beim Hormonwert. Auch Oxytocin lässt sich methodisch nur schwer untersuchen. Selbst bei menschlichen Sozialkontakten sind die Ergebnisse nicht durchgehend konsistent.

 

Für Longevity-Interessierte lassen sich die Ergebnisse Stand heute einfach zusammenfassen. Ein Hund beseitigt keinen Termindruck. Eine Katze löst keinen Konflikt im Büro. Tiere schalten Stress nicht aus. Sie können aber Momente schaffen, in denen der Körper wieder herunterregelt.

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Auf den Hund gekommen