Auf den Hund gekommen
Der wohl genialste und zugleich schönste Longevity-Biohack der Welt braucht Futter und will mehrmals am Tag nach draußen. LNGVTY hat mit der Psychologin Prof. Dr. Andrea Beetz (51) über das Gesundheitspotential des Vierbeiners gesprochen.
Der tierische Biohack steckt nicht in einer Kapsel, misst keine Blutwerte und kostet kein Monatsabo. Dafür bringt er seinen Menschen in Bewegung, ins Tageslicht, zu Pausen – und aktiviert nebenbei Systeme, die der Körper seit Urzeiten beherrscht.
Beetz erforscht seit mehr als zwanzig Jahren die Beziehung zwischen Mensch und Tier, Bindung und tiergestützte Interventionen. Nach Studium und Promotion in Erlangen haben sie Forschungsaufenthalte nach Kalifornien, Utah und Cambridge geführt; heute lehrt sie Heil- und Inklusionspädagogik an der IU Internationalen Hochschule. Zu ihren aktuellen Projekten zählen hundegestützte Interventionen bei posttraumatischer Belastungsstörung. Beetz hat selbst Kinder – und einen Hund, der gerne auf dem Sofa schläft.
Die Versuchung liegt nahe, aus dem Hund die nächste einfache Longevity-Formel zu machen: Hund kaufen, länger leben. Doch einfach ist es nicht. „Wir haben durchaus einige Studien, die erste Hinweise geben“, sagt Beetz. Viele seien nicht groß angelegt, die Ergebnisse aber durchaus statistisch signifikant. Sie spricht von einem „Flickenteppich an Theorien, die man jedoch gut zu einem stimmigen Gesamtbild zusammenführen kann, wenn man die Verbindungen versteht“.
Dieser Flickenteppich wächst. Eine systematische Übersichtsarbeit von 2022 wertete 129 Studien zu physiologischen Effekten der Mensch-Hund-Interaktion aus. Gut untersucht sind vor allem kurzfristige Veränderungen bei Stressparametern. Deutlich schwieriger bleibt laut Beetz die Frage, was das über Jahre oder Jahrzehnte für Gesundheit und Lebensdauer bedeutet. Bisher fehlt ein direkter Beweis, dass ein Haustier das Leben verlängert.
Interessant wird es eine Ebene darunter. „Da ist die Studienlage sehr gut, dass zum Beispiel der Kontakt mit Tieren und deren Anwesenheit Stress reduzieren kann“, sagt Beetz. Nicht nur gefühlt: In Untersuchungen lässt sich der Effekt auch über Cortisol messen. In einer ihrer Studien mussten Kinder unter kontrollierten Bedingungen eine Stresssituation durchlaufen: Sie hielten Vorträge und lösten Kopfrechenaufgaben vor Publikum. Hatten sie zuvor mit einem Hund interagiert, stieg ihr Stress weniger stark und sank anschließend schneller.
Dazu kommt Oxytocin. Das Hormon gilt oft als „Kuschelhormon“, obwohl es biologisch mehr kann. „Oxytocin ist nicht nur das Bindungshormon“, sagt Beetz. „Oxytocin regelt ein ganzes System für Ruhe und Erholung.“ Positiver Körperkontakt mit Menschen kann es ausschütten – ebenso das Streicheln eines vertrauten Tieres. Bei einer guten Beziehung genügt manchmal schon Blickkontakt.
Entscheidend ist die Wiederholung. „Das ist nicht wie: Da gehe ich einmal im Monat zur Massage“, sagt Beetz. „Katze und Hund haben Sie ja jeden Tag da.“ Wer regelmäßig positive soziale Interaktion erlebt, aktiviert damit immer wieder körpereigene Regulationssysteme. Beetz warnt jedoch vor romantischen Kurzschlüssen: Nicht jede Tierbeziehung entspannt. Ein aggressiver Hund, eine kranke Katze oder ständige Sorge um ein Tier können selbst erheblichen Stress auslösen.
Gerade deshalb lohnt der Vergleich mit manchem Biohacking. Dort greift man oft gezielt von außen in biologische Prozesse ein – mit Supplements, Hormonen oder anderen Substanzen, deren Langzeiteffekte teils ungeklärt sind. Beetz formuliert es nüchtern: „Wir wissen eben den Trade-off nicht.“
Beim Tierkontakt passiere etwas anderes. „Das Bindungssystem, das anspringt, wenn ich eine Beziehung aufbaue mit der Katze oder dem Hund, das habe ich schon“, sagt sie. „Mein Körper kann diese Hormone produzieren, er kann Cortisol aktiv senken.“ Ihr Urteil: „Ich finde das eleganter. Eleganter und günstiger.“
Hinzu kommt, dass ein Hund selten nur an einer einzigen Stellschraube dreht. Er zwingt seinen Menschen nach draußen. Tageslicht stabilisiert den zirkadianen Rhythmus. Spaziergänge bringen Bewegung. Fütterung und Gassigehen strukturieren den Tag. Das Tier wird zum sozialen Gegenüber, kann Einsamkeit lindern und Verantwortung sowie Sinn einfordern. Beetz sieht Tierhaltung deshalb eher als Teil eines Lebensstils denn als isolierte Intervention.