Der Kampf gegen den Zucker ist ein Kampf gegen die Evolution
Warum fällt uns der Verzicht auf Lebensmittel mit zugesetztem Zucker so schwer, obwohl wir ganz genau wissen, dass sie uns nicht gut tun? Der Kampf gegen den Zucker ist ein Kampf gegen die Evolution.
Wie so oft liegt der Teufel im Detail. Genauer: in einigen der anspruchsvollsten Steuerungsprozesse überhaupt, den Emotionen. Den Rest erledigt die Biologie. Wir müssen wieder lernen, uns selbst zu überlisten. Jegliche Vernunft wird sofort über Bord geworfen, fällt unser Blick auf unseren Lieblingssüßkram. Nicht, weil wir etwa dumm wären. Nein, der Reflex ist programmiert. Unser Gehirn registriert schnell verfügbare Energie. Über hunderttausende Jahre war das ein evolutionärer Vorteil. Süße Früchte signalisierten Nahrung, die selten und wertvoll war und folglich schnell konsumiert werden musste.
Viele kennen das noch aus der Kindheit: Der Zugang zur Schokolade wurde von den Eltern nicht selten reguliert. Sind wir dann erwachsen und Herr unserer Entscheidungen, gilt es, sich am Riemen zu reißen. Was besonders schwer fällt, wenn die Verführung hinter jeder Ecke lauert, rund um die Uhr, angepriesen durch glückliche Menschen in der Werbung. Zuckerhaltige Produkte sind billig, griffbereit, lange haltbar und werden uns auf Schritt und Tritt ins Bewusstsein gedrückt. Und selbst der disziplinierteste Mensch wird irgendwann mürbe, muss er sich täglich zwanzigmal bewusst gegen die Versuchung entscheiden.
Hinzu kommt der emotionale Faktor. Süße Lebensmittel sind häufig nicht nur Nahrung, die der Sättigung dient, sondern als Belohnung konditioniert. Zucker gibt es nicht selten als Trost, Pause, Entspannung oder Mittel gegen Langeweile. Im Erwachsenenalter kommt der Nostalgiefaktor hinzu. Bei mir ist es der Zitronenkuchen mit Zuckerguss meiner Mutter, den es zum Geburtstag gab – ein Backwerk als Zeitmaschine in das Alter der Unbeschwertheit. Zucker ist also Teil erlernter emotionaler Rituale. Hier wiegt ein Verbot schwer. Für viele ist das eine Grenze, an der sie überlegen, auf den Verzicht zu verzichten.
Das Gegenteil von gut ist gut gemeint
Doch müssen wir uns überhaupt so quälen? Muss es immer Verbote geben, damit wir uns vernünftig verhalten? Kategorische Untersagungen können zu unerwünschten Reaktionen führen. Nicht nur gewinnt das Verbotene an Reiz. Auch lenkt ein Gedanke wie „Ich darf nie wieder Schokolade essen“ die Aufmerksamkeit ständig auf Schokolade. Gleichsam wird ein einziger Ausrutscher als vollständiges Scheitern erlebt. Nicht zuletzt empfinden viele Menschen rigide auferlegte Disziplin schlicht als Überforderung.
Lasst uns lieber experimentieren. Longevity-Pionier Bryan Johnson organisiert regelmäßig sogenannte No Added Sugar Challenges. Das Ziel ist nicht, Zucker für immer aus dem Leben zu verbannen. Vielmehr geht es darum, den eigenen Autopiloten sichtbar zu machen. Wie oft greifen wir aus Gewohnheit zu etwas Süßem? Wie häufig essen wir Zucker, ohne ihn überhaupt bewusst wahrzunehmen? Und wie verändert sich das eigene Energielevel, wenn dieser Reiz für einige Wochen verschwindet?
Move your ass and your mind will follow
Mir werden diese verinnerlichten Selbstverständlichkeiten immer auf Reisen bewusst. Der Verlust der vertrauten Umgebung geht bei mir einher mit dem Aufgeben vertrauter Rituale. In der Fremde fällt mir nach ein paar Tagen auf, dass ich meinen ausbleibenden Süßigkeitenkonsum gar nicht bemerkt habe. Und dass er mir offenbar auch nicht fehlt. Das ist eine zutiefst befriedigende Erkenntnis. Apropos Reisen: Gerade wen man unterwegs ist, lauert die Zuckerfalle an ganz andere Stelle. Weit Routinen des Essens durcheinandergebracht und Mahlzeiten übersprungen werden, lauern nach einigen Stunden nicht selten Heißhunger-Attacken. Wer dann die berühmte Hotelminibar öffnet und dort schockierte Nüsse oder Gummibärchen findet, dem wir es schwerfallen, diese nicht zu essen. LNGVTY.eu will Hotels deshalb helfen, seinen Gästen auch gesunde Alternativen anzubieten. Denn: Der Geist mag willig sein.
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